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Die kanadische Literatur im Überblick

 

Die kanadische Literatur kann aus heutiger Sicht in zwei größere Einheiten zusammengefaßt werden: zum einen kann man hier die Phase vor 1920 nennen, zum anderen  die ab diesem Zeitpunkt bis zum heutigen Tage.
Bevor jedoch das Thema der Einführung in die kanadische Literatur genauer behandelt wird, sollte man den Begriff, so wie er im Folgenden verwendet wird, erst einmal genauer definieren. Wenn hier die Rede von ´kanadischer´ Literatur ist, dann muß damit auch gesagt werden, daß nur die des anglophonen Teils des Landes gemeint ist. Außer Acht gelassen bzw. nur am Rande angesprochen werden soll dabei die Literatur Québecs, da sie französischsprachig ist, sowie die der autochtonen Völker Kanadas, d.h. die der Inuit und Indianer.

 

Die koloniale kanadische Literatur

 

Mit dem Begriff der kolonialen kanadischen Literatur wird im Allgemeinen, die kanadische Literatur bezeichnet, die in den Zeitraum vor 1920 einzuordnen ist. Doch wenn man im Zusammenhang mit der Einordnung von Literatur den Zeitbegriff anführt, sollte man auch einen Beginn dieser Periode ins Auge fassen.
Im Allgemeinen kann der erste Beginn der anglophonen Literatur in Kanada auf das Ende des 18. Jahrhunderts datiert werden; zu dieser Zeit kam das erste Mal eine größere englischsprachige Gruppe im Lande an, die auch vorhatte dortzubleiben.
Um nun aber chronologisch bei der ersten überhaupt in Kanada existierenden Literatur anzufangen, sollte man zuerst einmal die sogenannte Expeditionsliteratur nennen, die man auch als Reiseberichte klassifizieren könnte. Hier wären z.B. Samuel Hearnes A Journey from Prince of Wales´s Fort in Hudson´s Bay to the Northern Ocean aus den Jahren 1769-72 und Sir Alexander Mackenzies Voyage from Montreal on the River St. Lawrence, Through the Continent of North America, to the Frozen and Pacific Oceans; in the Years 1789 and 1793 von 1801 zu nennen. Der Inhalt dieser angeführten Werke besteht normalerweise immer aus einer Konfrontation des Menschen beziehungsweise des Individuums mit der teilweise als feindlich eingestuften Natur.
Nach dieser ersten Phase der Beschreibung des Landes folgte eine erste Welle von englischsprachigen Siedlern, nach ihnen ist die sogenannte Siedlerliteratur benannt. Diese Gruppe von Menschen kam, da sie loyal zur britischen Krone standen, aus den seit 1776 unabhängigen USA am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor allem in das spätere Ontario. Unter anderem auf Grund dieser Zuwanderung aus den USA entwickelte sich nun in Ontario, aber auch in den Provinzen Nova Scotia und New Brunswick ein reges kulturelles Treiben; damals entstand z. B. auch Oliver Goldsmiths The Rising Village, ein Erzählgedicht aus dem Jahre 1825. Die Siedlerliteratur ist stark an der des Mutterlandes England orientiert, da Kanada zu dieser Zeit jedoch noch kein unabhängiges Land, wie es die Vereinigten Staaten zu jener Zeit waren. Im folgenden soll nun ein kurzes Beispiel für jene Literatur gegeben werden:
How sinks his heart in those deep solitude,
Where not a voice upon his ear intrudes;
Where solemn silence all the waste pervades,
Heightenning the horror of its gloomy shades.
(    : S. 529)
Dieses kurze Gedicht kann als gut als Beispiel für die Motive seiner Zeit gewertet werden: schon im ersten Vers taucht eines der typischen zeitgenössischen Motive auf: deep solitude spricht die Einsamkeit und die Isolation an, die damals viele Menschen empfanden. Weiterhin werden in diesem Zusammenhang in den Werken dieser Zeit auch die oft sehr schwierige Behauptung des Menschen gegenüber der unwirtlichen Natur von den Autoren aufgegriffen. Als Fazit dieser Form von Literatur kann also die Botschaft, daß der Siedler es in jeder für ihn auch noch so komplizierten Lage schafft, gesehen werden - ein Motiv mit sehr praktischem Hintergrund!
In einer Zeit, in der man es sehr schwer hatte sich gegen die rauhe Natur zur Wehr zu setzen und im täglichen Kampf mit ihr zu bestehen, hatten Frauen eine gute Chance auf eine gewisse Emanzipation; unter diesen Umständen konnten Frauen, anders als im damaligen England selbst im Bereich der Literatur tätig werden und mußten sich nicht, wie z. B. die Bronte Schwestern, hinter männlichen Psydonymen verbergen. Als Beispiel für die kanadischen Autorinnen dieser Zeit wäre Frances Brooke zu nennen, die den vierbändigen Briefroman The History of Emily Montague schrieb; hierbei handelt es sich um eine Liebesgeschichte, in der die Exotik des Landes eine große Rolle spielt.
Auch der historische Roman spielt zu jener Zeit in Kanada eine Rolle. Aufgebaut nach dem Vorbild Sir Walter Scotts, schrieb John Richardson 1832 Wacousta; or The Prophecy. A Tale of the Canadas - eine Liebes- und Intriegenhandlung zur Zeit der Indianerrebellion. Als Vorbild dienten hierzu wie gesagt Sir Walter Scotts Waverly und Ferimore Coopers Roman Leatherstocking. John Richardsons Werk kann in Zusammenhang mit der Einstellung jener Zeit als konservativ-puritanisch eingestuft werden und wurde in Kanada deshalb damals sehr geschätzt, Mark Twain dagegen betrachtete diese Art von Schriftstellerei als Hauptgegner des literarischen und gesellschaftlichen Fortschritts.
Neue Ansätze vertrat damals die aus England stammende Susanna Moodie: Ihre Motive waren die Rolle der Frau in einer von Männern geprägten Gesellschaft, die Probleme der Siedler und der Entbehrung sowie eindrucksvolle Naturschilderungen. 1852 erschien Roughing It in the Bush; or Life in Canada und im Jahr darauf (1853) Life in the Clearings.
Außer der anglophonen und der frankophonen Bevölkerungsgruppe hatten natürlich auch die autochtonen Völker Kanadas (Inuit und Indianer) eine Literaturtradition. Diese Tradition ist schon einige tausend Jahre alt, wurde aber immer mündlich weitergegeben, was den Zugang zu ihr beträchtlich erschwert. Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde angefangen diese Literatur zu verschriftlichen, da man befürchtete die autochtonen Völker könnten aussterben, dies stellte aber insofern ein Problem dar, als durch die Übersetzung der Charakter etwas überlagert wurde. Hier wären Pauline Johnson/ Tekahion mit Legends of Vancouver (1911) und Penny Petrones First People, First Voices (1983) zu nennen.

1867 kam es zu einer ersten politischen Einigung Kanadas im sogenannten British North America Act. Grund für diese Vereinigung, dem nach und nach alle anderen heutigen Provinzen folgten, von Upper und Lower Canada war der starke Expansionsdrang der USA; im selben hatten nämlich die Vereinigten Staaten Rußland Alaska abgekauft. Zum anderen versuchte man eine gewisse Abgrenzung von England zu erreichen. Ganz im Zeichen ihrer Zeit schrieben Autoren wie Archibald Lampman und Duncan Campbell Scott im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in teilweise in patriotischer Absicht auf der Grundlage der Natur- und Landschaftserfahrung  ihre Werke in einer spezifisch kanadischen poetischen Sprache. Der Confederation Poet Duncan Campbell Scott schrieb The Unnamed Lake 1887 und Archibald Lampman Morning on the Lièvre 1888. Das folgende Gedicht könnte als Beispiel gelten:

...Softly as a cloud we go,
Sky above and sky below,
Down the river; and the dip
Of the paddles scarcely breaks,
With the little silvery drip
Of the water as it shakes
From the blades, the crystal deep
Of the silence of the morn.
Of the forests yet asleep;...
(   : S. 537)
Hier werden sehr schön die Motive angesprochen, die mit der Natur Kanadas in Verbindung gebracht werden: Himmel, Wasser, Fluß und Wald. In anderen Werken jener Zeit findet man  patriotische Motive oder Anleihen aus der nordischen oder klassischen Mythologie, die ja auch in England in der Epoche des Viktorianismus sehr beliebt waren. Man nun Sir Charles G. D. Roberts´ Orion and other Poems von 1880 oder Carmans Sappho. One Hundred Lyrics von 1904 anführen; aus dem Bereich der nordischen Mythologie könnte man Robert W. Service´ Ballades of Cheechako von 1909 angeben, die vom harten Leben der Jäger und Sammler im Hohen Norden erzählen.
Zu den Formen der Prosa kann man sagen, daß die Kurzprosa eher in die Tradition der amerikanischen Prosa einzuordnen ist: man könnte z. B. Stephen Lealocks Sunshine Sketches of a Little Town oder Roberts Earth´s Enigmas: A book of Animal and Nature Life von 1896 erwähnen. Dieses letztere Werk ist durch die naturalistische Selektionslehre oder -theorie geprägt; die Ursprünglichkeit wird der Überlagerung bzw. der Überformung die Kultur gegenübergestellt. Bei Margaret Atwood - einer Zeitgenossin - spielt die sogenannte Opferthematik eine zentrale Rolle.
Aus dem Bereich der Prosa sollte man nun zwei Romanformen besonders herausgreifen. Zum eine ist das der realistische Roman und zum anderen der Geschichts- bzw. Entwicklungsroman. Da im Allgemeine zu jener Zeit gesellschaftskritische Werke sich keiner allzu großen Beliebtheit erfreuten, gab es vor allem Unterhaltungsromane. Aus dem Bereich des realistischen Romans könnte man dennoch Sara Jeanette Duncans The Imperialist von 1904 nennen, in dem sie die schwierige Geburt des kanadischen Nationalbewußtseins beschreibt; ferner schrieb James De Mille 1860 (posthum 1888  erschienen) A strange manuscript found in a copper cylinder, eine negative Utopie unter dem Einfluß von Jules Verne und Edgar Allan Poe. Der Geschichts- bzw. Entwicklungsroman traf den konservativen, moralischen Geschmack der Zeit bei weitem besser und erfreute sich deshalb größerer Beliebtheit. Einerseits wurden Romane wie Ralph Connors (eigentlich Charles William Gordon) The Man from Glangarry: A Tale of the Ottawa von 1901, ein christlicher Entwicklungsroman, gelesen, andererseits britische Autoren wie Kippling und Dickens.

 

Die kanadische Moderne

 

Den Beginn der kanadischen Moderne könnte man wohl auf die Zwanziger Jahre datieren. In dieser Zeit kam es zum ersten Mal zu einer gewissen Emanzipation in der kanadischen Literatur, wie der Ausschnitt aus F. R. Scotts Gedicht zeigt:

The air is heavy with Canadian topics,
And Carman, Lampman, Roberts, Cambell, Scott,
Are measured for their faith and philantropics,
their zeal for God and King, their earnest thought.
(   : S.540)
In diesem Ausschnitt kommt die Kritik an der kanadischen Gesellschaft und ihrer Unterstützung des Viktorianismus zum Ausdruck. Die Montreal Group als literarische Gruppierung jener Zeit macht sich auf die Suche nach einer zeitgerechten kanadischen Literatur, die in der Auswahl der Themen frei sein sollte, frei von der Beurteilung durch puritanische Maßstäbe; ferner sollte sie versuchen, sich nicht mehr nur durch den Begriff der Nation zu definieren, was Smith in seinem Aufsatz Wanted - Canadian Criticism erschienen 1928 in Canadian Forum beschrieb. Aus dieser Zeit sollten zwei Autoren genauer beschrieben werden: Edwin John Pratt und Frederick Philip Grove. Pratt gehörte zeitweise der Montreal Group an; er verbindet in seinen Werken kanadische und internationale Gesichtspunkte, archaisch anmutenden Fatalismus und christliches Hoffnungsdenken. Seine Motive sind der heroisierende und ironisierende Kampf der Menschen mit der geheimnisvollen und unberechenbaren Natur. Der aus Deutschland stammende Grove und dort von Naturalismus, Neuromantik und Ästhetizismus beeinflußt wurde lebte ab 1912 in Manitoba. Sein Motiv ist um die Überlegenheit und die Nichtigkeit des Menschen im Kampf mit der Natur zu lokalisieren, in der reinsten Form kommt seine Intension in Over Prairie Trails von 1922 zum Ausdruck.
In den 60er Jahren kam zusammen mit der Literary Renaissance ein gewisser (literarischer) Nationalismus auf, denn trotz oder gerade wegen der nach dem 2. Weltkrieg starken (literarischen) Zusammenarbeit mit den USA kam auch wieder Angst vor ihnen hoch. So wurde beispielsweise dem amerikanischen Konzept des melting pots das des kanadischen cultural mosaic entgegengestellt, darüber hinaus aber auch Begriffe wie Norden (und all seinen implizierten Bedeutungen) und die spezielle kanadische Siedlungsgeschichte.  
Zu den Klassikern des modernen kanadischen Romans (ab den 60er Jahren) gehören Hugh MacLennan, der in Two Solitudes von 1945 das schwierige Verhältnis der beiden kanadischen Sprach- und Kulturgruppen darstellt; Sheila Watson, die in The Double Hook archetypische Bilder von Mord, Geburt, Feuer und Flucht präsentiert und Robertson Davies. Er hat einen subtilen, gedanklich komplexen Stil in konservativer Struktur und schreibt in einer britisch loyalistischen Tradition. Unter dem Einfluß von Jungs Archetypenmodell sind seine Werke in Zyklen geordnet, d.h. nach dem Prinzip der Suche nach Erkenntnis nach einem verborgenen Lebenssinn. In seiner Depfort Trilogy wird die Kluft zwischen der protestantischen Öffentlichkeitsmeinung und der privaten Verstrickung in Mythen und Magie dargestellt; in der Cornish Trilogy geht es unter anderem um die Suche nach den Wurzeln, dem Ursprung.
Die Postmoderne wiederum fand neue Motive z.B. in der Suche nach den Ursprüngen und marginalisierten Gruppen wie Frauen, autochthonen Völkern und ethnischen Minderheiten. Margaret Eleanor Atwood, die auch in den USA und Europa bekannt ist, ist Kritikerin und Verfasserin von Kurzgeschichten. In Dancing Girl von 1977 befaßt sie sich mit kanadischen Motiven und versucht die Gegenwart zu analysieren, die voll von Zwängen ist. Im Bereich der Kurzgeschichten tat sich Alice Munro hervor; ihre Themen sind Probleme der Herkunft, der Entfremdung und der sozialen Schichtung; 1994 veröffentlichte sie Open Secrets.
Abschließend kann man nun sagen, daß sich die kanadische Literatur weniger durch die Abgrenzung von der us-amerikanischen zu definieren sucht, sondern auf feministische, ethnozentrische und dekonstruktivistische Ansätze zurückgreift und kann dadurch heute wirklich als unabhängig angesehen werden.

 

 

 


 

 

 

 

 

    


 

 

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